Bach - Matthäus-Passion 04.03.2007 Beethovenhalle
Bonner Bach-Gemeinschaft führt "Matthäus-Passion" auf
Dirigent Horst Meinardus leitet Aufführung der Bach-Komposition in Beethovenhalle
Den roten Teppich rollte die Bonner Bach-Gemeinschaft zu Beginn der Bachschen Matthäus-Passion in der Beethovenhalle aus. Das ist nicht etwa blasphemisch gemeint.
"Das mächtige Domportal des Eröffnungschores betritt man über den Läufer des e-Moll-Orgelpunktes" schrieb nämlich vor Jahrzehnten der Musikschriftsteller Hans-Joachim Moser merklich ehrfürchtig. Die eindrucksvolle Wiedergabe durch die Bach-Gemeinschaft hätte ihm vermutlich gefallen.
Bachs gewaltige Komposition erklang wuchtig, klangvoll und ausdrucksstark, aber nie schwülstig-pompös. Am Pult stand Horst Meinardus, der nach dem Tod des langjährigen Leiters der Bach-Gemeinschaft, Franz Xaver Gardeweg, die Einstudierung übernommen hatte. Unter seiner klaren und umsichtigen Leitung gelang eine sehr überzeugende Deutung des Werkes.
Dies war in erster Linie dem Chor zu verdanken, der sich für diese Aufführung vor allem in den Männerstimmen angemessen verstärkt hatte. Ergebnis war ein dicht und ausgeglichen klingendes Ensemble, das ebenso packend wie anrührend zu gestalten vermochte. Zu einem eindringlichen Bild etwa formte sich der mehrschichtig konzipierte Eingangschor, in dem klagendes Fragen und Antworten kunstvoll hin und her wogt.
Meinardus wählte, wie insgesamt, ein sehr überzeugendes Tempo, das den Lamento-Charakter bewahrte, ohne den musikalischen Fluss zu hemmen. Die Knabenschola des Collegium Josephinum fügte sich mit glasklar und leuchtend gesungenen Choralzeilen ein. Überhaupt gerieten dem Chor die Ausbrüche und Rufe der Volksmengen markant und bildhaft, aber nie überzogen.
Packende Intensität vermittelte der berühmte "Blitz-und-Donner"-Chor, lyrisch sanft hingegen, gewissermaßen in Mattgold, meldete sich die gläubige Seele in "Was ist die Ursach solcher Plagen?". In "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" schließlich unterstrich der Chor sehr schön den romantischen Charakter dieser Passage. Schlicht und verinnerlicht, gleichwohl im Ausdruck klug differenziert, ließ Meinardus auch die Choräle ausführen.
Das Orchester spielte konturenscharf und agil, unterschiedliches Niveau bewies das Solistenensemble. Einen höhensicheren und deklamatorisch überzeugenden Evangelisten gab Markus Francke, einen würdevollen Jesus erlebte man mit Marek Kalbus' leichtem und rundem Bass, markant, manchmal etwas zu kernig gestaltete der Bass Franz Gerihsen. Licht und Schatten hingegen bei den Damen.
Während sich mit Ilona Markarovas orgelndem Alt-Vibrato eine längst ausgestorben geglaubte und für oratorische Zwecke denkbar ungeeignete Gesangstechnik zurückmeldete, legte die Sopranistin Claudia Couwenbergh mit einer natürlich wirkenden, sauber geführten Stimme sehr viel gestalterischen Feinsinn an den Tag.
Aus dem Feuilleton des General Anzeiger Bonn, 06.03.2007 (Mathias Nofze)
Wohltönende, glaubensfeste Choralpfeiler
Bonner Bach-Gemeinschaft führte in der Beethovenhalle die Matthäus-Passion auf
Wie schon im letzten November mit Robert Schumanns Requiem hat die Bonner Bach-Gemeinschaft am Sonntag mit einer eindrucksvollen Aufführung von Johann-Sebastian Bachs Matthäus-Passion demonstriert, dass sie sich durch den Tod Ihres langjährigen Dirigenten Franz Xaver Gardeweg nicht vom Kurs abbringen lassen will.
Im November war der Engländer Harry Curtis als Retter eingesprungen. Diesmal kann mit dem renommierten Kölner Horst Meinardus am Pult wieder mehr davon die Rede sein, wieviel Substanz in diesem Traditionschor steckt. Schon optisch: Wie sich die Hundertschaft über dem Orchester der Bach-Gemeinschaft aufbaute, so wölbte sich ausdrucksvoll der Klang in die Beethovenhalle hinein.
Meinardus ist dabei keiner, der mit Chormasse überwältigt, er setzt vielmehr auf ein auch in der Dynamik hoch differenziertes Klangbild. Zugleich aber bildete er starke Akzente in den Turbaechören aus. Das "Barrabam" und "Lass ihn kreuzigen!" kam in böser Schärfe. Aber die wird aufgelöst in einer grandiosen Steigerung über dem Chorsatz "Wahrlich, dieser ist GottesSohn gewesen".
Auch die Doppelchörigkeit hat der mit Opernchor und Philharmonischem Chor Köln bekannt gewordene Meinardus bis ins Orchester hinein optisch bewusst deutlich gehalten im Interesse des Zuhörers.
Das Orchester mit seinem hohen Bonner Musikeranteil war bestens auf dem Posten. Die Choräle waren ins Passionsgeschehen als wohltönende, glaubensfeste Pfeiler hineingestellt. Den Kinderchor stellte die gute Knabenschola vom Collegium Josephinum Bonn.
Gut dreieinhalb Stunden hat die Aufführung gedauert, für die Jungen kürzer. Eine feine Symbiose ging das Solistenensemble mit den konzertierenden Instrumentalisten ein. Es gab kleine Sternstunden Bach‘schen Ariengesangs. Auf der Orchesterseite müsste man die konzertierenden Qboen d‘amore, die Sologeige und -flöte nennen, die sich mit dem Sologesang aufs Schönste mischten. Horst Meinardus stand ein gutes, namhaftes Vokalensemble zu Gebote mit Sopran Claudia Couwenbergh, der aparten Altstimme von Ilona Markarova, dem unentbehrlichen Frank Gerihsen. Als Evangelist war Markus Francke auf dem Podium, mit schöner, vielleicht etwas zu emotionaler Interpretation.
Aus der Bonner Rundschau vom 6. März 2007